Expert Interview

Pioniere im digitalen Kapitalmarkt - Ein Gespräch mit Christian Forma (WIBank) über Erfahrungen, Herausforderungen und Perspektiven token-basierter Emissionen.

Julia Hösselbarth
Dezember 01, 2025

Tokenbasierte Wertpapiere gelten als zentrales Zukunftsthema für den Finanzmarkt – doch wie sehen konkrete Erfahrungen aus der Praxis aus? In unserem Interview mit Christian Forma von der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen (WIBank) sprechen wir über die Learnings aus der ersten tokenbasierten Emission der Förderbank, über regulatorische Anforderungen, technische Herausforderungen und die Rolle öffentlicher Institutionen bei der Transformation des Kapitalmarkts. Dabei werfen wir auch einen Blick auf die Erkenntnisse aus den EZB-Trials und fragen nach konkreten Erwartungen an Marktteilnehmer und Regulierungsbehörden.

 

Frage 1: Welche Erkenntnisse und Vorteile hat die WIBank aus der ersten blockchain-basierten Emission gezogen (Effizienz, Transparenz, etc.) ?

Antwort Christian:

Die erste blockchain-basierte Emission der WIBank hat wertvolle Erkenntnisse und klare Vorteile gebracht. Besonders hervorzuheben sind die Effizienzgewinne: Durch Digitalisierung und automatisierte Abwicklung über die Trigger-Lösung konnte die Settlement-Zeit auf T+0 reduziert werden, wodurch das Settlementrisiko deutlich verringert wurde. Die Nutzung der öffentlichen Blockchain ermöglicht eine jederzeit nachvollziehbare Transaktionshistorie und eine klare Eigentumszuordnung, was Vertrauen schafft und die Kontrolle über den Prozess erleichtert. Viele manuelle, bisher zeitaufwändige Prozessschritte können digitalisiert werden, wodurch Kosten und operationelle Risiken gesenkt wurden. Die gewonnenen Erkenntnisse bieten wertvolle Ansatzpunkte für die zielgerichtete Weiterentwicklung zukünftiger Projekte.

 

Frage 2: Gab es spezielle Anforderungen oder Hürden bei der Dokumentation und den regulatorischen Vorgaben? 

Antwort Christian:

Es wurden besondere Anforderungen und Herausforderungen deutlich, insbesondere bei Dokumentation und regulatorischen Vorgaben. Die Abstimmung mit den zuständigen Behörden und die rechtliche Einordnung des digitalen Produkts erforderten eine strukturierte Herangehensweise. Die Verbindung von klassischer Urkunde und digitalem Token sowie die Ausgestaltung der Übertragungsmechanismen mussten klar definiert werden. Die Abläufe und technischen Lösungen wurden im Proof-of-Concept getestet, wobei neue digitale Prozesse parallel zu bestehenden Strukturen erprobt wurden. Die Erfahrungen zeigen, dass regulatorische und dokumentarische Aspekte frühzeitig in die Planung zukünftiger Vorhaben einbezogen werden sollten.

 

Frage 3: Wie wurde das Projekt intern organisiert – mussten sie spezielle Kompetenzen aufbauen? 

Antwort Christian:

Das Projekt wurde als bereichsübergreifende Initiative organisiert, bei der verschiedene Fachbereiche eng zusammenarbeiteten. Für den Erfolg des Proof-of-Concept war die Kombination aus klassischer Kapitalmarkt-Expertise und digitalen Kompetenzen entscheidend. Know-how im Bereich Distributed-Ledger-Technologie, Smart Contracts und digitaler Zahlungsabwicklung wurde gezielt aufgebaut und durch externe Partner aus Technologie, Projektmanagement und Recht ergänzt. Die enge Abstimmung mit diesen Partnern hat dazu beigetragen, die komplexen Anforderungen im Testumfeld zu adressieren. Intern wurden Teams weitergebildet und Schnittstellen geschaffen, um die digitale Infrastruktur mit den bestehenden Prozessen zu verzahnen.

 

Frage 4: Planen Sie, solche digitalen Emissionen in Zukunft häufiger durchzuführen oder sogar vollständig zu integrieren? 

Antwort Christian: 

Wir sehen in digitalen Emissionen großes Zukunftspotenzial und planen, diese Form der Kapitalmarkttransaktionen perspektivisch weiter auszubauen und stärker zu integrieren. Die Erfahrungen aus dem Proof-of-Concept zeigen, dass die Digitalisierung zahlreiche Vorteile bietet, insbesondere eine schnellere und effizientere Abwicklung sowie mehr Transparenz und Sicherheit. Ein wichtiger Impuls ergibt sich durch die Initiativen der EZB, insbesondere mit dem Projekt „PONTES“, das die Abwicklung von Wertpapiertransaktionen auf DLT-Basis direkt mit Zentralbankgeld ermöglicht. Sobald PONTES startet, eröffnen sich neue Möglichkeiten für noch effizientere und sicherere digitale Emissionen. Langfristig streben wir eine vollständige Integration an, wobei die Geschwindigkeit dieser Entwicklung auch von der Bereitschaft und dem Interesse der Investierenden sowie den regulatorischen Rahmenbedingungen abhängt.

 

Frage 5: Welche Learnings aus dem EZB-Trial halten Sie für besonders wertvoll? Wie sollten in diesem Kontext die nächsten Entwicklungsschritte aussehen?

Antwort Christian:

Die Erkenntnisse aus dem EZB-Trial sind für uns besonders wertvoll, da sie zeigen, wie digitale Abwicklungsprozesse auf Basis der Distributed-Ledger-Technologie die Effizienz und Transparenz im Kapitalmarkt steigern können. Die enge Verzahnung von Wertpapier- und Zahlungsseite durch DLT und Smart Contracts erleichtert die Integration digitaler Emissionen in bestehende Prozesse. Mit den Projekten Pontes und Appia setzt die EZB wichtige Impulse für den Finanzmarkt der Zukunft, indem sie die Abwicklung von Wertpapiertransaktionen mit Zentralbankgeld und die Interoperabilität zwischen verschiedenen Systemen fördert. Für die nächsten Entwicklungsschritte ist es entscheidend, Prozesse weiter zu digitalisieren, Schnittstellen zu optimieren und regulatorische Klarheit zu schaffen. Die Integration digitaler Emissionen hängt auch von der Akzeptanz und Bereitschaft der Marktteilnehmenden ab.

 

Frage 6: Welche Kriterien waren für Sie entscheidend bei der Auswahl der Partnerunternehmen zur Umsetzung des Pilotprojekts?

Antwort Christian:

Bei der Auswahl der Partnerunternehmen für das Pilotprojekt standen technologische Kompetenz, rechtliche Expertise, Innovationskraft und die Fähigkeit zur engen Zusammenarbeit im Vordergrund. Die Kooperation mit externen Technologieanbietern und Beratungen war entscheidend, um die technischen und prozessbezogenen Anforderungen des Proof-of-Concept zu adressieren und praktische Erfahrungen zu sammeln. Die sichere Integration von Smart-Contract-Lösungen und die Bereitschaft zur flexiblen, partnerschaftlichen Zusammenarbeit waren zentrale Auswahlkriterien. Die kontinuierliche Abstimmung zwischen allen Beteiligten hat wesentlich zum Erfolg des Projekts beigetragen.

 

Frage 7: Gab es technische Herausforderungen? 

Antwort Christian:

Im Rahmen des Pilotprojekts sind verschiedene technische Herausforderungen aufgetreten, insbesondere durch die parallele Nutzung von klassischer und digitaler Infrastruktur. Die Abstimmung zwischen den unterschiedlichen Systemen und die Synchronisation der Abläufe führten zu zusätzlichem Aufwand, vor allem bei der taggleichen Zahlungsabwicklung und der Dokumentation. Die Verbindung von Blockchain-Technologie mit bestehenden Zahlungsprozessen erforderte sorgfältige Abstimmung und umfangreiche Tests. Auch die Implementierung von Funktionen zur Steuerung der Übertragbarkeit und Handelbarkeit des Tokens brachte technische Besonderheiten mit sich. Das Projekt hat gezeigt, dass die Einführung digitaler Prozesse im Kapitalmarktumfeld mit Herausforderungen verbunden ist, die sich jedoch durch enge Zusammenarbeit und kontinuierliche Weiterentwicklung adressieren lassen.

 

Frage 8: Welche Unterstützung wünschen sie sich von Marktteilnehmern oder Aufsichtsbehörden für künftige Projekte? 

Antwort Christian:

Für künftige Projekte wünschen wir uns von Marktteilnehmenden mehr Offenheit für digitale Innovationen und die Bereitschaft, neue Technologien aktiv mitzugestalten. Von den Aufsichtsbehörden erwarten wir klare und praxisnahe Rahmenbedingungen sowie eine konstruktive Begleitung, damit digitale Emissionen rechtssicher und effizient umgesetzt werden können. Gemeinsame Standards und ein intensiver Austausch sind entscheidend, um die Digitalisierung des Kapitalmarkts erfolgreich voranzutreiben.

 

Frage 9: Was war Ihre Motivation, an den Trials teilzunehmen?

Antwort Christian:

Unsere Motivation lag darin, praktische Erfahrungen mit innovativen Technologien wie der Distributed-Ledger-Technologie zu sammeln und deren Potenzial für den Kapitalmarkt zu bewerten. Die Teilnahme ermöglichte es, die T+0-Abwicklung in einem realitätsnahen Szenario zu testen und die Auswirkungen auf Effizienz, Transparenz und Risikomanagement direkt zu erleben. Zudem wollten wir frühzeitig Erkenntnisse gewinnen, um unsere Prozesse gezielt weiterzuentwickeln und die Organisation optimal auf zukünftige digitale Entwicklungen vorzubereiten.

 

Frage 10: Was war der lohnenswerteste Aspekt Ihrer Teilnahme?

Antwort Christian:

Der lohnendste Aspekt unserer Teilnahme war, als Smart Follower frühzeitig praktische Erfahrungen mit innovativen Technologien und digitalen Abwicklungsprozessen zu sammeln. So konnten wir Optimierungspotenziale identifizieren, unsere Organisation gezielt weiterentwickeln und unsere Rolle als Impulsgeber im Markt stärken.

 

Frage 11: Würden Sie anderen empfehlen, an ähnlichen Initiativen teilzunehmen? Warum oder warum nicht?

Antwort Christian:

Ja, ich würde anderen empfehlen, an ähnlichen Initiativen teilzunehmen. Die Digitalisierung des Kapitalmarkts kann nur gelingen, wenn alle Marktteilnehmenden gemeinsam neue Technologien erproben und Standards entwickeln. Gerade im Hinblick auf die geostrategische Bedeutung einer unabhängigen europäischen Finanzmarktinfrastruktur ist es wichtig, aktiv an solchen Projekten mitzuwirken – insbesondere mit Blick auf die Entwicklung eines digitalen Zentralbankgelds (CBDC) und die derzeitige Dominanz von US-Stablecoins. Die Teilnahme bietet die Chance, praktische Erfahrungen zu sammeln, die eigene Organisation weiterzuentwickeln und einen Beitrag zur Stärkung des europäischen Finanzmarkts zu leisten.

Über Christian Forma:

Christian Forma ist Leiter des Treasury-Fördergeschäfts bei der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen (WIBank). Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung im Kapitalmarktumfeld – von Derivatehandel bis Strukturierung. Als Treiber digitaler Innovationen begleitet er aktiv die Transformation hin zu tokenbasierten Finanzinstrumenten.

Christian Forma, Head of Treasury, WIBank

Sprechen Sie mit unserem Expertenteam

Unser Team berät Sie gerne, vereinbaren Sie jetzt ein unverbindliches Beratungsgespräch.

Simon Censkowsky

Head of Business Development

s.censkowsky@cashlink.de

linkedin.com/in/scenskowsky